Der Juni ist bunt. Regenbogenflaggen hängen vor Rathäusern, Unternehmen färben ihre Logos um, überall beginnt der Pride Month. Queere Menschen sind sichtbarer als noch vor wenigen Jahren – in Medien, Politik, Kultur und Öffentlichkeit. Vieles wirkt heute offener, liberaler, akzeptierter. Gleichzeitig werden queere Menschen immer häufiger Zielscheibe rechter Hetze, politischer Stimmungsmache und gesellschaftlicher Feindbilder.
Wie konkret diese Bedrohung inzwischen geworden ist, zeigte sich 2025 auch in NRW, als der Christopher Street Day in Gelsenkirchen aufgrund einer Bedrohungslage abgesagt werden musste. Doch Gelsenkirchen blieb kein Einzelfall: Auch andere CSDs wurden abgesagt. Andernorts kam es zu rechtsextremen Gegenprotesten, Einschüchterungen oder Angriffen auf Veranstaltungen. Beinahe jeder zweite CSD in Deutschland wurde gestört oder angegriffen, durch Online-Hetze, Bedrohungen, Sachbeschädigungen oder organisierte rechtsextreme Mobilisierung.
Während also Vielfalt öffentlich gefeiert wird, wächst gleichzeitig der Druck auf jene, die sie leben. Pride ist deshalb auch 2026 nicht bloß Festival oder Marketingfläche, sondern weiterhin ein politischer Raum: ein sichtbarer Widerspruch gegen Ausgrenzung, gegen Angst und gegen jene Kräfte, die Menschen wieder zurück in Unsichtbarkeit drängen wollen.
Die zunehmenden Angriffe auf queeres Leben entstehen nicht zufällig. Sie sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, das sich zunehmend nach noch weiter rechts verschiebt. Rechte Akteur*innen und insbesondere die AfD arbeiten seit Jahren gezielt daran, queere Menschen zum politischen Feindbild zu machen. Sie sprechen von „Genderwahn“, warnen vor angeblicher „Frühsexualisierung“ und diffamieren geschlechtliche Vielfalt immer wieder als ideologische Gefahr. Im Bundestagswahlprogramm 2025 bezeichnet die Partei geschlechtliche Selbstbestimmung als „Irrweg“, führende Parteimitglieder hetzen regelmäßig gegen trans Menschen oder stellen queere Sichtbarkeit grundsätzlich infrage.
Doch auch weit über die AfD hinaus werden rechte und queerfeindliche Narrative zunehmend gesellschaftsfähig. Immer wieder beteiligen sich Politiker*innen der sogenannten Bürgerlichen Mitte an Debatten gegen geschlechtergerechte Sprache, queere Bildungsarbeit oder Selbstbestimmungsgesetze. Queere Lebensrealitäten werden dabei häufig nicht als Teil gesellschaftlicher Vielfalt behandelt, sondern als Kulturkampfthema inszeniert. Dadurch verschiebt sich Stück für Stück der öffentliche Diskurs.
Diese Rhetorik bleibt nicht auf Parlamente oder Social Media beschränkt. Sie wirkt hinein in Schulen, Vereine und den Alltag. Bücher über queere Lebensrealitäten werden öffentlich skandalisiert, Drag-Lesungen für Kinder unter Polizeischutz gestellt, Lehrkräfte und pädagogische Einrichtungen wegen Vielfaltsthemen angefeindet. Laut Angaben im Bundestag haben sie sich seit 2010 verzehnfacht. Besonders trans Personen erleben dabei massive gesellschaftliche Ablehnung: Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie zeigen 37 Prozent der Befragten eine geschlossene Ablehnung von Transgeschlechtlichkeit.
Wenn Minderheiten permanent als Bedrohung dargestellt werden, verschiebt sich auch gesellschaftlich das Sagbare. Aus Menschen werden Debattenobjekte. Aus Vielfalt wird angeblich Ideologie. Beleidigungen, Ausgrenzung und Gewalt entstehen nicht unabhängig von politischen Debatten, sie werden durch sie legitimiert und verstärkt.
Gerade darin zeigt sich der Widerspruch der Gegenwart: Queere Menschen sind sichtbarer geworden als je zuvor, während gleichzeitig Hass, Gewalt und politische Feindbilder wieder zunehmen.
Als NaturFreunde erleben wir Demokratiearbeit, Umweltbildung und queere Solidarität deshalb nicht als getrennte Themen. Denn eine offene Gesellschaft verteidigt sich nicht nur in Parlamenten, sondern überall dort, wo Menschen sichtbar sein, mitgestalten und ohne Angst teilhaben können.
Unsere Projekte „Wissen.Wirken.Wandeln.“ und „Wissen.Teilen.Gestalten.“ stehen genau dafür: für eine sozial-ökologische Transformation, die niemanden ausschließt. Wenn wir inklusive Umweltbildung organisieren, geht es nicht nur um Klima- oder Naturschutz. Es geht um die Frage, wer Zugang zu Wissen, Gemeinschaft und gesellschaftlicher Gestaltung erhält; und wer systematisch ausgeschlossen wird.
Und wenn wir mit „stabil & inklusiv“ im Demokratiezentrum Fritz Bohne in Gelsenkirchen Räume für Austausch, Beteiligung und Solidarität schaffen, dann ist das keine neutrale Bildungsarbeit. Es ist ein bewusster Gegenentwurf zu rechter Hetze, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Denn dort, wo Vielfalt angegriffen wird, braucht Demokratie konkrete Orte, die Haltung zeigen.
Genau deshalb kann Pride für uns nicht bei Symbolen enden. Pride ist kein Marketingtrend und keine saisonale Imagekampagne. Regenbogenlogos kosten wenig. Haltung dagegen schon. Haltung zeigt sich dort, wo Menschen widersprechen, wenn gegen Minderheiten gehetzt wird. Dort, wo Räume offen bleiben, obwohl sie bedroht werden. Dort, wo Solidarität nicht endet, sobald Gegenwind entsteht.
Denn Pride bedeutet nicht nur Sichtbarkeit. Pride bedeutet, sich nicht zurückdrängen zu lassen. Nicht in Unsichtbarkeit. Nicht in Angst. Nicht in Schweigen.
Vielleicht entscheidet sich der Wert einer offenen Gesellschaft deshalb nicht daran, wie bunt sie sich im Juni präsentiert, sondern daran, wen sie schützt, wenn der Druck wächst. Ob sie zulässt, dass Menschen wieder zum Feindbild gemacht werden. Oder ob sie Räume verteidigt, in denen Vielfalt, Würde und Demokratie tatsächlich gelebt werden.
