Deutschland hat gerade wieder erlebt, wie sich die Klimakrise anfühlt: 40 Grad, überhitzte Städte, belastete Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste am Limit, überfüllte Krankenhäuser, mehr als 800 Hitzetote, Baustellen in der prallen Sonne, Straßen, die schmelzen, ein Bahnnetz, das völlig zusammenbricht und Menschen, die bei Temperaturen lohnarbeiten müssen, bei denen der Rest von uns gebeten wird, das Haus möglichst nicht zu verlassen.
Während Gesundheitsämter empfehlen, körperliche Anstrengung zu vermeiden, diskutiert die Politik ernsthaft darüber, dass wir künftig länger und am liebsten auch noch mehr Stunden arbeiten sollen.
Wie aber ist es möglich, längere Lebensarbeitszeiten zu planen, ohne gleichzeitig darüber zu sprechen, unter welchen Bedingungen Menschen künftig überhaupt noch arbeiten können?
Die Rentenpolitik rechnet mit steigender Lebenserwartung. Die Klimakrise rechnet mit steigenden Temperaturen. Diese beiden Entwicklungen lassen sich nicht getrennt voneinander diskutieren.
Denn die Klimakrise ist keine abstrakte Zukunftsfrage. Sie entscheidet bereits heute darüber, wer gesund bleibt, wer krank wird und wer früher stirbt.
Sie fragt nicht nur, wie heiß es wird. Sondern auch, wer Schatten hat. Wer sich schützen kann. Wer in einem aufgeheizten Dachgeschoss lebt. Wer im klimatisierten Büro sitzt und wer auf dem Gerüst schuftet. Wer nach Hause gehen kann – und wer trotzdem weiterarbeiten muss.
Genau deshalb müsste Klimapolitik heute vor allem Menschen schützen – mit Maßnahmen, die langfristig und nachhaltig wirken
Die Bundesregierung behandelt die Klimakrise vor allem als Standortfrage. Das Klima scheint das allerdings anders zu sehen.
Der Expert*innenrat warnt vor verfehlten Klimazielen. Gerichte haben Nachbesserungen eingefordert. International gilt Deutschlands Beitrag weiterhin als unzureichend.
Doch die eigentliche Fehlannahme reicht weit über die Klimapolitik hinaus. Denn auch die Rentenpolitik tut so, als wäre die Klimakrise lediglich ein Umweltproblem.
Sie koppelt das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung – nicht aber an die Realität, in der diese Lebensjahre verbracht werden. Nicht an Hitzewellen. Nicht an körperliche Arbeit bei 40 Grad. Nicht an Tausende Menschen, die schon heute jedes Jahr an den Folgen extremer Hitze sterben. Nicht an eine Arbeitswelt, die sich durch die Klimakrise bereits verändert.
Dabei wird außer Acht gelassen, dass der Klimawandel nie nur eine Umweltfrage war, er war immer auch eine soziale.
Deshalb braucht es endlich eine sozialökologische Transformation, die ihren Namen verdient. Eine Politik, die Klima-, Sozial-, Gesundheits- und Arbeitspolitik nicht länger getrennt voneinander denkt. Eine Politik, die Menschen schützt – nicht nur Märkte. Die Lebensqualität höher bewertet als Wirtschaftswachstum. Und die anerkennt, dass Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit untrennbar zusammengehören.
Als NaturFreunde stehen wir seit über 130 Jahren für genau diesen Zusammenhang: Natur und Umwelt schützen heißt immer auch Menschen schützen. Eine lebenswerte Umwelt gibt es nicht ohne soziale Gerechtigkeit. Und soziale Gerechtigkeit gibt es nicht auf einem zerstörten Planeten.
Der Planet braucht keinen längeren Arbeitstag. Er braucht eine gerechte Zukunft.
