Karneval 2026 fühlt sich anders an.
Nicht, weil die Kostüme weniger bunt wären oder die Musik leiser. Sondern weil die Welt, in der wir feiern, in den letzten Jahren noch spürbarer aus den Fugen geraten ist als eh schon.
Die internationale Lage ist nicht einfach angespannt – sie kippt. Kriege dauern an oder eskalieren neu, das Völkerrecht scheint noch weniger Gewicht zu haben als sonst schon, Autokratie ist der neue Go-to-Trend der politischen Männerwelt, und vom Klimawandel redet sowieso niemand mehr. Was lange als Ausnahme galt, wird wieder normal: militärische Gewalt, politische Drohungen, das Recht des Stärkeren. Noch nie gab es eine solche Gleichzeitigkeit von Krisen wie in den letzten Jahren. Nationalismus, Rassismus, Islamismus und Antisemitismus fungieren dabei als zentrale Brandbeschleuniger politischer und militärischer Konflikte. Nach außen ebenso wie nach innen, gegen Teile der eigenen Gesellschaften.
Diplomatie gilt als Schwäche, multilaterale Institutionen verlieren an Bedeutung, Drohungen – wirtschaftlich wie militärisch – werden wieder zu normalen politischen Instrumenten. Wenn Regeln verhandelbar werden, wenn Angriffe für die Angreifenden folgenlos bleiben, wenn Stärke Recht ersetzt, dann ist das eine Vorlage, für andere Konflikte, andere Regionen, andere Eskalationen.
Und warum genau feiern wir also noch in dieser Welt Karneval? Ist das nicht Ablenkung? Ist das nicht unangemessen?
Die Antwort lautet: Ja, Aber Ablenkung ist nicht das Problem – Gleichgültigkeit ist es.
Karneval ist kein Lösungsversprechen. Er beendet keine Kriege. Er schützt Rojava nicht. Er zerschlägt keine autoritären Machtapparate, beendet keine Repression gegen die eigene Bevölkerung, schützt keine Minderheiten, stoppt Antisemitismus nicht, garantiert keine Frauenrechte, schützt keine queeren Menschen und stoppt keine ethnischen Säuberungen.
Aber linker Karneval hält etwas am Leben, das in Krisenzeiten schnell verloren geht: Gemeinschaft, Nähe, Normalität. Für ein paar Tage raus aus dem Dauerzustand zwischen Weltschmerz und Überforderung.
Ablenkung ist dabei kein Wegsehen. Sie ist eine bewusste Unterbrechung. Luft holen statt Verhärten. Lachen ohne Vergessen. Feiern ohne Realitätsverlust.
Problematisch wird Ablenkung erst, wenn sie dauerhaft wird – wenn sie benutzt wird, um nichts mehr wissen zu wollen, wenn sie Haltung ersetzt. Karneval ist das Gegenteil davon: zeitlich begrenzt, bewusst überzeichnet, klar als Ausnahme erkennbar. Danach bleibt die Welt dieselbe – und unsere Verantwortung auch.
Karneval war ursprünglich nie das Auslachen der Schwachen, sondern das Lächerlichmachen der Mächtigen. Sein Witz zielte nach oben: als Ventil, als Kritik, als Erinnerung daran, dass Macht Spott aushalten muss. Wie sich mit den Mächtigen anlegen geht kann man beispielsweise an Jaques Tilly sehen, schließlich hat er es geschafft, dass in Russland wegen seiner Wagen ein Strafverfahren gegen ihn läuft.
Gerade weil die Welt so schwer geworden ist, ist Lachen kein Zeichen von Ignoranz. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht vollständig abstumpfen lassen.
Und wenn Karneval etwas anderes sein soll als bloße Ablenkung, dann braucht er auch klare Grenzen. Feiern oder nicht, mit Alkohol oder ohne – wie ihr wollt. Aber wer feiert, trägt Verantwortung. Respektvoller Umgang ist keine Spaßbremse, sondern Voraussetzung dafür, dass alle sicher feiern können.
Dazu gehört auch, alte Muster zu hinterfragen. Kolonialistische oder rassistische „Kostüme“ sind keine Tradition, sondern Ausdruck von Ignoranz. Dasselbe gilt für Lieder: Sexistische oder rassistische Inhalte sind kein Kulturgut. Man kann sie kritisieren, man kann sie ausmachen, man muss sie nicht mitsingen.
Karneval ist kein rechtsfreier Raum. Rassistische Parolen, Bedrohungen oder Übergriffe bleiben zurecht strafbar, auch zwischen Konfetti und Kamelle. Und ganz grundlegend gilt: Nur ein klares Ja ist ein Ja. Nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen sind immer Gewalt, egal zu welcher Jahreszeit.
Solidarität gehört deshalb genauso zum Karneval wie das Feiern selbst. Wer sieht, dass Menschen beleidigt, belästigt oder bedroht werden, darf nicht wegsehen. Zusammenhalt zeigt sich nicht nur im Schunkeln, sondern auch darin, füreinander einzustehen.
Karneval wird nicht unpolitisch, nur weil er feiert. Entscheidend ist, worauf sich der Spott richtet. In einer Zeit zunehmender Härte kann er Mut machen, Missstände sichtbar halten und Menschen verbinden.
Feiert. Ruht euch aus. Atmet durch.
Aber bleibt wachsam. Denn diese Zeit verlangt beides: Lebensfreude und Haltung.
